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Stadtentwicklung und Raumdynamik im Gefüge deutscher Städteseit dem zweiten Weltkrieg– vom Wiederaufbau zur
Stadterneuerung –
"Freunde, unser Einsatz kann ein Wunder
verwirklichen!
Für wen soll es geschehen? Für das
Publikum.
Für welches Publikum? Man hat geantwortet: für das
Volk.
Ich glaube: für die Menschen."Le CorbusierInhaltsverzeichnis
Einleitung
Stadtentwicklung und Raumdynamik in der BRD
Die Phase des Wiederaufbaus (1945-1960)
Raumdynamik
Stadtentwicklung
Die Phase des Wachstums (1960-1975)
Raumdynamik
Stadtentwicklung
Die Phase der Konsolidierung und Differenzierung (seit 1975)
Raumdynamik
Stadtentwicklung
Stadtentwicklung und Raumdynamik in der DDR bzw. den neuen Ländern
Stadtentwicklung in der DDR bzw. den neuen Ländern
Die Phase der Anknüpfung an die nationale Bautradition (1945-1955)
Die Phase des industrialisierten Städtebaus (1955-1970/75)
Die Phase des qualitativen Stadtumbaus (1970/75-1991)
Die Phase der Vermarktwirtschaftlichung (seit 1991)
Raumdynamik in der DDR bzw. den neuen Ländern
Abschließende Betrachtung und Ausblick: Die Zukunft der deutschen Stadt
Literatur
Selbst die
einrückenden alliierten Truppen waren vielfach selbst betroffen vom
Ausmaß der vorgefundenen Schäden. Die Großstädte
Deutschlands in den Grenzen von 1937 waren bombardiert worden. Von jenen blieben
nur Erfurt, Halle und Regensburg in ihrer alten Gestalt erkennbar. 13 Millionen
Menschen waren obdachlos, von 18,8 Millionen Wohnungen waren 4,8 Millionen
zerstört. (vgl. von Beyme 1987, 25ff)
Der Wiederaufbau
gestaltete sich in den einzelnen Zonen unterschiedlich, so daß heute noch,
einige Jahre nach der Wiedervereinigung, Ost-West-Gegensätze sich schon
durch Städtebau und Architektur ausdrücken. Ursächlich kann die
politische Einstellung der alliierten Mächte als prägende Kraft
gesehen werden: “Die Ideologie der Bundesrepublik wurde die Kulturnation,
die der DDR die Klassennation” (von Beyme 1987, 13).
Stadtentwicklung in Deutschland stellt sich nicht als einheitliches
Geschehen dar – zeitlicher Ablauf und Methodik glichen sich in den beiden
Staaten nicht.
Die
Stadtentwicklung in der Bundesrepublik wird nachhaltig durch die historisch
gewachsene Struktur des Städtesystems beeinflußt. Durch das Fehlen
der historisch gewachsenen Hierarchiespitze Berlin – bedingt durch ihre
Zweiteilung – agieren die Funktionsräume stärker untereinander.
Man unterscheidet die deutschen Städte in Unter-, Mittel-, Ober-,
Regionalzentren sowie in Hauptstädte. Die Regionalzentren (Düsseldorf,
München, Stuttgart, Hannover, Frankfurt, Köln) übernehmen
für die Region hochrangige administrative, kulturelle und wirtschaftliche
Funktionen. Hauptstadtfunktionen übernehmen in der Bundesrepublik gleich
mehrere Städte: So ist Hamburg Hauptstadt der Medien, Frankfurt die der
Wirtschaft, des Verkehrs und der Finanz, München die der Kultur und Bonn
die administrative Hauptstadt (vgl. Blotevogel und Hommel 1959, 158).
Diese polyzentrische Struktur führt zu besonders intensiven Interaktionen
und bedingte sehr früh den Ausbau einer guten Infrastruktur und einer
gleichmäßigeren Verteilung des Arbeitsplatzangebotes. Mit diesem
Hintergrund läßt sich das Stadtentwicklungsgeschehen im letzten
halben Jahrhundert aufzeigen.
Die Phase des Wiederaufbaus (1945-1960)
In
der Zeit des zweiten Weltkriegs flüchtete das Gros der deutschen
Stadtbevölkerung in die ländlichen Gebiete, um dort Schutz vor den
starken Bombardements zu finden. “Sie drängten nach dem Krieg in ihre
Heimatstädte, in ihre alten Lebens- und Wohnumwelten zurück und
versuchten, in den Trümmermassen ihr Leben zu gestalten” (Hewitt
et al 1993, 438). Diese Land-Stadt-Wanderung wurde jedoch quantitativ noch
von der Flüchtlingswelle aus den östlichen Gebieten überlagert.
Die westdeutschen Klein- und Mittelstädte erfuhren in dieser Zeit von 1945
bis 1961 den größten Aufschwung. Besonders mittelgroße
Städte konnten durch das erheblich gestiegene Arbeitskraftangebot
nachhaltig eine Industrie aufbauen, die den zentralörtlichen Einzugsbereich
ausweitete. Die wirtschaftliche und soziale Eingliederung der
Ostflüchtlinge, die durch das rasche Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit
wesentlich erleichtert wurde, führte zu einem erneuten starken Wachstum des
gesamten Städtesystems, das in seinen “Größenordnungen und
seinen Folgen nur mit der intensiven Verstädterungsphase im letzten Drittel
des vorherigen Jahrhunderts verglichen werden kann” (Köhler und
Schäfers 1986, 30).
Die Abwanderung
aus dem peripheren Raum in die Kerngebiete der Entwicklung führte auch zu
einer Selektion der Bevölkerung. Vorwiegend junge Altersgruppen, die in den
Städten ein erhöhtes Ausbildungs- und Arbeitsangebot finden, zogen in
die Ballungszentren. Zu den so entstehenden Rückstandsgebieten zählen
das nördliche Schleswig-Holstein, Ostfriesland, die westliche Eifel, die
Grenzgebiete zur DDR und CSSR sowie Niederbayern. (vgl. Blotevogel und
Hommel 1980, 161)
Im
Städtebau sind die Jahre von 1945 bis 1949 “faktisch die Zeit der
Trümmerbeseitigung und der Notmaßnahmen sowie planerisch die der
einzigen groß angelegten Gesamtplanungen und der vielen Wettbewerbe und
detaillierten Planungen für die zerstörten Innenstädte”
(Müller-Raemisch 1987, 19). Währungsreform und Marschallplan
machten den praktischen Beginn des Wiederaufbaus möglich.
Die Aufgaben das
Wiederaufbaus wurden schnell umrissen: Die Tätigkeiten sollten sich auf die
Trümmerbeseitigung, den Neuaufbau der Kommunalverwaltungen sowie der
Behebungen von Notsituationen beschränken. Diese Vorhaben wurden jedoch vom
Mangel an Baumaterialien und finanziellen Mitteln gehemmt. (vgl. Hewitt et
al 1993, 439) Diese Mißstände wurden als Vorteile gewertet:
“Das langsame Anlaufen der Bautätigkeit hat den einen Vorteil,
daß das Bearbeiten der durch die Zerstörung der Städte
erforderlichen Wiederaufbaupläne mit der nötigen Ruhe geschehen
kann” (Fischer 1948, 87). In städtebaulichen Dimensionen
gedacht, verlief der Wiederaufbau jedoch viel zu überhastet und schnell; im
wesentlichen war er um 1960 schon abgeschlossen. Das trug dazu bei, daß
wertvolle Bausubstanz nicht nur durch die Bombardierungen, sondern auch durch
den Wiederaufbau zerstört wurden (vgl. Durth und Gutschow 1988). Die
historischen Stadtbilder blieben vorwiegend nur in den Klein- und
Mittelstädten erhalten.
Die frühe
Phase ist aufgrund der starken Zuwanderung aus den Ostgebieten, sowie aus der
Peripherie in die Stadt, durch eine starke Orientierung auf Wohnungspolitik
gekennzeichnet. “Was wir brauchen sind Wohnungen, Wohnungen und nochmals
Wohnungen” (Rappaport 1949, 11). So schätzte man den Bedarf
auf 5 Millionen neue Wohnungen.
Über die
Konzeption des Wiederaufbaus entbrannten in den Nachkriegsjahren starke
Diskussionen. Die Entwürfe reichten vom identischen Wiederaufbau bis hin
zum völligen Neubau. Zu dieser Zeit sind die Modelle von Le Corbusier
(“Ville Contemporaine”), Reichow (“Organische
Stadtbaukunst”) und Schwangenscheidt (“Die Raumstadt”)
prägend. Alle Leitbilder dieses Abschnitts “fußen bei aller
sonstigen Differenzierung auf der Gliederung der Stadt in überschaubare
Einheiten” (Müller-Raemisch 1987, 24). Gliederung und
Überschaubarkeit, so lautet der allgemeine Tenor der Stadtplaner in den
Nachkriegsjahren. Alle Modelle, die von Neubau bis hin zum historischen
Wiederaufbau reichen, finden im deutschen Städtebau der Nachkriegszeit
Anwendung: So entstand in Düsseldorf das Thyssenhochhaus (Abbildung 1) und
in Köln wurde der mittelalterliche Gürzenich wiederhergestellt (vgl.
Hewitt et al 1993, 439). Tendenziell richtet man sich jedoch am
historischen Stadtgefüge aus. Schöller sieht die Gründe
dafür in der überkommenen Bodenordnung, im bestehenden
Straßennetz, in den erhaltenen Anlagen des unterirdischen Städtebaus
und nicht zuletzt im Traditonswillen der Bevölkerung (vgl. Schöller
1967, 78).
Der Lemgoer
Entwurf, in dem man eine Neustrukturierung der Innenstädte durch
Zusammenlegung von Parzellen mit gleichzeitiger Umwandlung des
Individualeingentums in Gemeinschaftseingentum erreichen will, fand keine
Anwendung. Besonders in der britischen Besatzungszone konnte dieser
sozialistisch anmutende Ansatz nicht Fuß fassen – zu jener Zeit war
die “Labour Party” in der Regierungsverantwortung. So blieb in
Köln das historische Parzellengefüge erhalten. Als Folge entwickelten
sich stellenweise nur eingeschossige Ladenbauten, da für einen weiteren
Ausbau die Häuser schlichtweg zu schmal sind. Anders verlief die
Entwicklung in Gießen, wo eine Neustrukturierung der Besitzparzellen
gelang (vgl. Hewitt et al 1993, 442).
Schon
“in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre erlaubt der wachsende
Wohlstand und die steigende Motorisierung immer breiteren
Bevölkerungsschichten, den zunehmenden Wohnumfeldbelastungen in den Zentren
zu entfliehen und sich den Wunsch von einer Wohnung im Randbereich der
Städte zu erfüllen” (Köhl und Beck 1996). Diese
Suburbanisierungstendenz in den Großstädten und den
großstadtfernen Mittelstädten wird in den ersten Jahren durch
Ausgleichswanderungen ausländischer Immigranten ausgeglichen. Die steigende
Industrialisierung in Verbindung mit dem Wirtschaftswunder hat zu Folge,
daß immer mehr Gastarbeiter aus dem europäischen Ausland einwandern.
Eine selektive Entmischung, wie man bereits in den ersten Nachkriegsjahren in
den Rückstandsregionen beobachten konnte, zeigte sich auch in anderer Form
in den 60er Jahren: “Innerhalb der innenstadtnahen Wohngebiete kam es zu
Segregationsprozessen [...], von denen besonders immobile Familien, alte
Menschen und Ausländer sowie alle Bevölkerungsgruppen betroffen waren,
die es sich nicht leisten konnten, aus der Stadt zu ziehen” (Daase
1995, 29). Nur Studenten, Künstler und Alternative zogen auch in schlechter
ausgestattete Altbauwohnungen und wirkten dieser Tendenz – wenn auch nur
marginal – entgegen, nicht auch zuletzt aufgrund des niedrigen
Mietpreisniveaus dieser Wohnungen und deren “Charme”. (vgl.
Daase 1995, 29)
Die steigende
Wohnstandortmobilität zeigt sich in den 60er Jahren nicht nur in der
Suburbanisierung, sondern auch in einer Abwanderung der vornehmlich älteren
Bevölkerung in den attraktiveren Süden. Andere Gründe dieser
Fernwanderungen aus den Verdichtungsräumen Norddeutschlands, dem Ruhrgebiet
und dem Saarland in die indurstriebetonten großstadtfernen Mittelzentren
sind das hier gestiegene Arbeitsplatzangebot im Zuge des Wirtschaftswachstums
und der Wunsch nach einem Haus im Grünen, der hier günstiger zu
realisieren war. (vgl. Blotevogel und Hommel 1980, 156)
“Die
Abwanderung von Erwerbstätigen und ihren Familien aus den Kernstädten
in die Randzonen der Verdichtungsräume und in die benachbarten
ländlichen Gebiete wird seit dem Anwerbestopp für ausländische
Arbeitnehmer im Jahre 1973 nicht mehr wie in den sechziger Jahren durch
zuziehende Ausländer im Saldo ausgeglichen” (Blotevogel und
Hommel 180, 161).
Bis
in die erste Hälfte der 60er Jahre expandierten die Städte
“meist nicht in den weiter entfernt gelegenen Vororten, sondern
vornehmlich durch Flächenwachstum an den Rändern der älteren,
innerstadtnah gelegenen Bebauung” (Heineberg 1988, 25). Folglich
entwickelte sich eine Stadtstruktur, in der die Grunddaseinsfunktionen
weitestgehend getrennt sind: Die Wohnfunktion drängte in randliche Gebiete.
Die städtebaulichen Konzepte der “aufgelockerten Stadt”, die
bis in die frühen 60er Jahre hineinreichten, entsprachen in abgewandelter
Form den Vorstellungen der Gartenstadt und der Charta von Athen (vgl.
Heineberg 1988, 25).
Diese funktionale
Entmischung zog den Ausbau der Infrastruktur mit sich, der die verbleibenden
Elemente der Stadtplanung ins Abseits drängte. “Die wachsende
Motorisierung sowie die anhaltende Tendenz zur Abwanderung in die Peripherie der
Städte führen zu starken Belastungen, nicht selten zu
Überlastungen der Verkehrswege, einer Entwicklung, der mit einem rapiden
Ausbau der Verkehrsinfrastruktur begegnet wird” (Köhn und Beck
1996); insbesondere wird der Ausbau des öffentlichen
Personennahverkehrs durch Anlage neuer Schnellbahnlinien und Einrichtung von
Verkehrsverbundsystemen gefördert. Statt der Anlage von pfeilertragenden
Hochstraßen, die den Charakter der Altstädte völlig umgeformt
und beherrscht hätte, wählten die meisten Städte den Bau
unterirdischer Verkehrsanlagen. Doch erlaubten die hohen Kosten derartiger
Großprojekte nur eine schrittweise Ausführung. So vermutete
Schöller: “Unsere Städte werden auf unabsehbare Zeit
mächtige Baustellen bleiben” (Schöller 1967, 82).
Der tertiäre
Sektor suchte seine Standorte nicht mehr wie die produzierende Industrie am
Rande der Städte mit guten Verkehrsanbindungen, sondern legte Wert auf die
repräsentativen “1A-Lagen” in den Stadtkernen (vgl.
Müller-Raemisch 1987, 55 und 70). So wurden in der Hochphase der
Konjunktur nicht nur die baulichen Lücken in den Innenstädten
geschlossen, vielmehr kam es in dieser Zeit auch zu einer funktionalen und
architektonischen Aufwertung: Banken und Versicherungen bauten ihre
repräsentativen Bürogebäude, Kaufhausgroßbauten entstanden;
zu Beginn der 70er Jahre wurde der Bau von multifunktionalen Shopping-Centern
vorangetrieben. Im Zuge dieser Tertiärisierung der Innenstädte in den
60er Jahren entstanden – zunächst vorwiegend in den
Mittelstädten und auch später in den Großstädten –
Fußgängerzonen und größere Parkplätze am Stadtrand;
die Übersichtlichkeit der Innenstädte sollte gesteigert werden (vgl.
Heineberg 1988, 21). “Diese funktionale Entfaltung der
Großstadtkerne [...] stand auch im Zusammenhang mit dem
beträchtlichen Ansteigen der Bodenpreise bzw. mit der durch die
Bodenpreisentwicklung ausgelösten stärkeren Konkurrenz um die
profitabelste Nutzung in den zentralen Standorträumen der westdeutschen
Großstädte nach 1960” (Heineberg 1988, 22). Folge war,
daß viele kleinere und flächenintensive Industriebetriebe ihren
Standort in der Innenstädten aufgaben und sich in den Vororten
beziehungsweise in die in dieser Zeit entstehenden Gewerbegebieten
ansiedelten.
Eine Verdichtung
der Wohnfunktion in den Innenstädten, die mit dem aufkommenden neuen
Leitbild “Urbanität durch Dichte” in den 60er Jahren
einhergeht, scheint in bezug auf die Miet- und Bodenpreisentwicklung
aussichtslos. “Statt dessen entstehen [...] bis zum Anfang der siebziger
Jahre Großwohnsiedlungen mit extrem hohen Wohnungsdichten, die die
weiterhin hohe Wohnungsnachfrage befriedigen und darüber hinaus das urbane
Leben in die Wohnquartiere zurückbringen sollen” (Köhl und
Beck 1996). Als Beispiele dieser so entstandenen Trabantensiedlungen dienen
Chorweiler in Köln und Gropiusstadt in Berlin. In dieser Zeit – ab
etwa Mitte der 60er bis Ende der 70er Jahre – erlebt der
Suburbanisierungsprozeß innerhalb der Wohnbevölkerung seinen
quantitativen Höhepunkt in der deutschen Geschichte. Dabei ist zu
beobachten, daß die Bevölkerung als auch die Betriebe des
sekundären Sektors in immer stadtfernere Gebiete eindringt und so den
Großraum Stadt ausweitet. “Die gegliederte und aufgelockerte Stadt
wurde zum Teil dort verwirklicht, woran sicher nicht gedacht war: vor den Toren
der Stadt, im immer entfernteren suburbanen Raum” (Köhler und
Schäfers 1986, 30).
Das Leitziel der
“Urbanität durch Dichte” ist in dieser Zeit nicht verwirklicht
worden. Vielmehr ist es zu einer Verdichtung der tertiären Funktionen in
den Innenstädten unter Ausschluß der Wohnbevölkerung gekommen.
“Das gibt keinen Ort für die zwanglose Begegnung von Bürgern,
aus der eben jene ersehnte Urbanität entstehen könnte”
(Müller-Raemisch 1987, 58).
Wegen
der großen Pendlerströme, die viele Straßen täglich
überlasten, ziehen viele junge, im Dienstleistungssektor beschäftigte
Menschen in die Städte zurück. Andere Gründe für diese
Resuburbanisierung sind in der gesteigerten Attraktivität der
Innenstädte zu sehen sowie im Aufkommen eines neuen Denkens, in welchem das
Stadthaus, eine neue urbane Lebensform, als erstrebenswert gilt. Die
Suburbanisierung der Bevölkerung – diese setzte bereits in den 60er
Jahren ein – hatte inzwischen zwar abgenommen, prägte aber weiterhin
die Entwicklung des innerstädtischen und suburbanen
Siedlungsraumes.
“Ein
grundsätzlich wichtiger Vorgang der Gegenwart ist die Aufspaltung der
Wohnfunktion und damit die Entstehung von Arbeits- und Freizeitwohnungen. Sie
beeinflußt die Gebiete der Stadterweiterung und Stadterneuerung in
unterschiedlichen Ausmaß [...]” (Lichtenberger 1985, 8).
Mit
dem “Ölschock” und der sich anschließenden Rezession
Anfang der 70er Jahre setzte in der Stadtentwicklungs- und Stadtplanungspolitik
ein schnelles Umdenken ein. Auf die Zeit der Großformen und der raschen
Entwicklung folgt die der Gegenbewegung der Bürgerinitiative mit der
Forderung nach Mitbestimmung. Das politische Klima der Zeit, das in der
außerparlamentarischen Opposition, den Studentenbewegungen und
Bürgerinitiativen einen sichtbaren Ausdruck fand, führte zu der
Erkenntnis, daß Stadtplanung als Dialog verstanden werden müsse (vgl.
Müller-Raemisch 1987, 86).
Die negativen
Folgen der verstärkten Suburbanisierungs- und Verdichtungsprozesse in den
vorangegangenen Jahren zeigten sich nun immer deutlicher. “Im Zeichen der
Zeit – es sei unter anderem an die wissenschaftliche Studie des Club of
Rome erinnert, in der die Grenzen des Wachstums in globaler Dimension aufgezeigt
werden – reift in der Stadtplanung die Einsicht, [...] daß Wachstum
kein Naturgesetz sei und man sich möglicherweise mit dem Vorhandenen
begnügen müsse, daß es sogar reizvoll sein könne, sich um
die Erhaltung des Bestehenden zu kümmern” (Köhn und Beck
1996). Erneuerung statt Expansion wurde nun gefordert. Jedoch konnte man sich
nicht auf eine einheitliche Linie einigen. So gab man zunächst einmal an,
was man nicht mehr wollte: “Keinen Abbruch von alten Wohnhäusern mit
billigen Mieten, keine weiteren Bauten für den Autoverkehr, keine
Hochhäuser, keine Trennung der Funktionen Wohnen und Arbeiten”
(Müller-Raemisch 1987, 89). Dem ehemaligen Leitbild der
aufgelockerten Stadt wurde nun ein harsches Ende bereitet.
Aufgrund der
mangelnden Steuereinnahmen, welche die Städte durch die abgezogenen
Einwohner und Industriebetriebe zu verzeichnen haben sowie der aufkommenden
Rezession, sind die Städte nunmehr dazu gezwungen, rationaler zu handeln.
So wird die Bestandspflege “auch aus Gründen der Wirtschafts- und
Arbeitsplatz-Basis zur Devise” (Brake 1985, 5). Kernelemente der
“erhaltenen Erneuerung” sind:
Abbildung 2 zeigt die Frankfurter Römerbergbebauung (als
Beispiel für extrem verstandene Stadterneuerung) bei der man versuchte,
mittelalterliche Häuser wieder zu errichten, bzw. bereits bestehende
Gebäude im alten Stil umzugestalten. Köhn und Beck sprechen dieses
Phänomen der Zeit als “extremen Neo-Historismus” (Köhn
und Beck 1996) an.
Problembeladen
wird der Vorgang der Stadterneuerung in den letzten Jahren diskutiert. Zwar sind
die Ziele der Stadterneuerung weitestgehend erreicht worden, nur setzten
später (seit Mitte der 80er Jahre) gerade in den Großstädten
Verdrängungsprozesse ein, die zu einer neuen Wohnbevölkerungsstruktur
in einigen Stadtteilen führte.
Erst in den 80er
Jahren erhält ökologisches Denken in die Stadtplanung Einzug. Die
breiten Verkehrsachsen werden immer mehr als Emmisionsquellen und Barrieren
empfunden. Das neue Leitbild der 80er Jahre heißt
“Rückbau” mit der dazugehörigen “postmodernen”
Architektur. Die bisherigen Stadterneuerungsmaßnahmen werden mit neueren
ökologischen und modernen ästhetischen Ansätzen vermischt:
Mit
Inkrafttreten des neuen Baugesetzbuches, welches das
Städtebauförderungsgesetz von 1971 ablöste, ermöglichte man
durch einen erheblich größeren finanziellen Rahmen, nachhaltige
städtebauliche Sanierungstätigkeiten durchzuführen. Von 1985 bis
1988 haben Bund und Länder für Städtebau- und
Modernisierungsförderung insgesamt über 32 Milliarden DM zu
Verfügung gestellt (vgl. Heineberg 1988, 23f). Städtebauliche
Sanierungsmaßnahmen sollten auch dazu beitragen, daß die
Siedlungsstrukturen den Erfordernissen des Umweltschutzes und den Anforderungen
an gesunde Wohn- und Arbeitsbedingungen entsprechen. Die wichtigsten
Maßnahmen der “behutsamen Stadterneuerung” und ihre Ziele
(Sanierungsziele) sind in Tabelle 1 zusammengefaßt:
Tab.1: Stadterneuerungsmaßnahmen und ihre Ziele (nach
Daase 1995, 16)
Die Erfahrungen
der frühen Phase der Stadterneuerung haben gezeigt, daß eine
überhastete Stadterneuerung nicht den Vorstellungen einer sozialen
Stadtplanungspolitik entsprechen. Der räumlichen Segregation ist nur mit
einer behutsamen Entwicklungsunterstützung entgegenzuwirken. Beispielhaft
ist das vom Hamburger Senat 1980 ins Leben gerufene Programm
“Stadterneuerung in kleinen Schritten (Siks)”.
Die DDR ist in
ihrem Aufbau des Städtesystems der BRD ungleich. Die Einteilung in Haupt-,
Bezirks- und Kreisstädte zeigt eine stark hierarchisch ausgerichtete
Gefügestruktur auf. Die Stadtentwicklungsgeschichte der DDR wird dadurch
nachhaltig geprägt: Die Planung und Durchführung neuer Tendenzen
richten sich zunächst auf die Hierarchiehöchsten. So blieben die
Kriegsfolgen in den untergeordneten Städte noch lange sichtbar: “Ein
genereller Schlußpunkt des Wiederaufbaus konnte hier hingegen nie gesetzt
werden” (Hewitt et al 1993, 444). Die im zweiten Kapitel
angesprochenen Auswirkungen der Besatzungsmächte auf Politik und
Städtebau zeigen sich in der DDR wohl am deutlichsten.
Die Leitbilder
des Städtebaus lassen sich nach von Beyme in drei Phasen einteilen. Diese
“sind nicht so grundsätzlich von den Perioden des Wiederaufbaus in
Westdeutschland unterschieden, wie beide Seiten gern annehmen. In der DDR sind
neue Phasen mit einer gewissen Verzögerung eingeführt worden, haben
sich dann jedoch in einem zentral geplanten System rascher durchsetzten
können” (von Beyme 1987, 287). So beeinflußt und
prägt gerade auch die Sowjetunion als Bruderstaat in den ersten Phasen
nachhaltig den Städtebau.
Im Gegensatz zur
Strukturierung des vorangegangenen Kapitels steht als determinierender Aspekt
die Stadtentwicklung voran, da in der DDR raumdynamische Prozesse vorwiegend
durch die staatlich gesteuerten städtebaulichen Maßnahmen initiiert
werden.
Die
Hauptziele der ersten Nachkriegsjahre waren in der sowjetischen Besatzungszone
schnell aus der sozialistischen Ideologie abgeleitet: So standen nicht wie in
den Westzonen städtebauliche Aufbauarbeiten im Vordergrund, vielmehr war
man darum bemüht, die Versorgung der Bevölkerung zu sichern. So wurden
anfangs verstärkt Industriebetriebe instand gesetzt und
Neubauerngehöfte errichtet (vgl. Hewitt et al 1993, 444).
Neben der
Wiederherstellung der Bewohnbarkeit der zerstörten Wohnungen waren
größere städtebaulichen Maßnahmen wegen der hohen
Reperationsleistungen an die Sowjetunion unmöglich. Der Mangel an
Materialien und an finanziellen Mitteln blieb nicht lange ohne Folge: “Ein
Befehl der zonalen Wirtschaftskommision verbot im Juni 1948 jegliche private
Bautätigkeit” (Schöller 1967, 75). Betrug 1950 der Bau
von Eigenheimen noch 61% am Gesamtbauvolumen, so sank dieser aufgrund der
staatlichen Lenkung bis 1968 auf 5% (vgl. von Beyme 1987, 323). Als Folge
des Ausbleibens öffentlicher Investitionen im Bauwesen fielen die
Wohnbedingungen im Vergleich zur BRD stark ab.
Als prägend
für die weitere Entwicklung im ostdeutschen Städtebau sollten sich die
“sechzehn Grundsätze des Städtebaus” vom 27.6.1950
erweisen. Diese bildeten einheitliche Grundlagen für die Erschaffung
komplexer Gestaltungen. Im einzelnen sind dies:
Gleichzeitig wurde mit diesen Grundsätzen das
Verfügungsrecht über Grund und Boden geregelt. Der sozialistische
Grundgedanke wird auch im Grundsatz 3 stark betont: “Die Städte
werden in bedeutenden Umfange von der Industrie für die Industrie
gebaut” (von Beyme 1987, 282). Der Wohnungsbau war in Folge dessen
eng mit der industriellen Expansion verknüpft: Wohnungen entstanden vorerst
dort, wo ein gesteigerter Arbeitskräftebedarf vorhanden war. In dieser Zeit
entstanden die Großprojekte Stalinstadt (später:
Eisenhüttenstadt), Schwedt und Halle-Neustadt. (vgl. Schöller
1986, 13ff)
Die einzelnen
Neubauten sollten nun dem Bild des sowjetischen Städtebaus gerecht werden:
“National in der Form, sozialistisch im Inhalt” (Köhn und
Beck 1996). Mit diesem gesetzlich verankerten Leitbild wurde in der DDR
schneller eine einheitliche Richtung für den Städtebau geschaffen, als
es in der BRD geschehen war, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in der
Planungsphase befand. Die Ausführung jedoch bereitete schlichtweg aufgrund
des vorherrschenden Materialmangels Schwierigkeiten und kam deshalb nur
schleppend voran.
Wie stark der
sowjetische Einfluß war, zeigte sich auch mit dem Beginn der zweiten
Phase. Stalins Tod bewirkte in Moskau die städtebauliche Umorientierung zum
industrialisierten Wohnungsbau ohne “Zuckerbäckerei und
Fassadenkosmetik”. In der ersten Baukonferenz der DDR im April 1955
propagierte man die Losung: “Besser, schneller, billiger bauen”
(vgl. von Beyme 1987, 291). Der industrielle Wohnungsbau, der die
Vollbeschäftigung der Bevölkerung zur Grundlage hatte, wurde in der
DDR aus der Wiege gehoben.
Beispielhafte
Städte für diesen neuen Baustil sollten Hoyerswerda (Abbildung 3) und
Dresden werden. In diesen meist trabantenartigen Wohnsiedlungen vor den Toren
der Stadt konnten die Ziele der Industrialisierung im Wohnungsbau verwirklicht
werden, mit denen man versuchte, der bestehenden Wohnungsknappheit besonders in
den Industrieregionen entgegenzuwirken. Die offene Bauweise der in Zeilen
angeordneten Häuser forderte Platz. Zudem war das Endprodukt dieser
Entwicklung, die Großplattenbauweise nur beim Bau von
Großwohnsiedlungen ökonomisch zu verwirklichen. Solch
flächenextensive Neubauten konnten demnach nur auf der grünen Wiese
entstehen – oder besser montiert werden, da einzelne Teile vor Ort nur
noch zusammengefügt werden mußten. Elemente der neuen Baukunst,
insbesondere die Plattenbauweise, finden sich später in der ganzen DDR
wieder. “Dies hatte jedoch die Vernachlässigung der Zentren zur
Folge, [...] da sich das Baugeschehen vorwiegend an den Stadträndern
vollzog” (Hewitt et al 1993, 444).
Erst später
als Ende der 50er Jahre vom Parteitag die Aufgabe gestellt wurde, die Zentren
bis 1965 wiederherzustellen, bezog man die Stadtkerne mehr in das
Planungsgeschehen ein. Die westliche Sicht der Innenstädte als
wirtschaftliches Zentrum eines Ballungsraumes entsprach nicht der
sozialistischen Ideologie: Sie waren administratives Zentrum. Neben der
Enttrümmerung witmete man sich ganz der repräsentativen Gestaltung auf
den zahlreichen Freiflächen. Die Innenstädte wurden als
administratives Zentrum gesehen: Wahrzeichen und Verwaltungsgebäude sollten
den Mittelpunkt der Stadt bilden und die allgegenwärtige Stellung der
Partei demonstrieren. Die Folge dieses “stalinistischen
Fassadenkults” wird bei der Betrachtung des Gesamtbildes einiger
Städte deutlich. Abbildung 3 zeigt den Stadtkern von Bautzen, wo man ohne
Rücksicht auf die historische Substanz sozialistische
Repräsentativbauten erstellte. Schöller vergleicht – aus
westdeutscher Sicht zur Zeit des “kalten Krieges” – die
Innenstädte beider deutscher Staaten: “Statt dem Reiz bunter, enger,
überraschenden Mannigfaltigkeit herrscht kalte Strenge,
Weitflächigkeit und oft Öde” (Schöller 1967, 79),
ein Bild, welches nicht auf alle ost- und westdeutschen Städte zu
übertragen ist.
Das Stichwort
“Urbanität” war in der Mitte der 70er Jahre zum neuen Leitbild
geworden; eine Entwicklung, die nicht wie die Phasen zuvor von der Sowjetunion
geprägt war, sondern aus eigener Kraft geschaffen wurde. Man verstand sie
als eine Mischung der einzelnen Grunddaseinsfunktionen. Es durfte nun auch von
“der ‚sozialistischen Menschengemeinschaft‘ im Städtebau
gesprochen werden” (von Beyme 1987, 302): Den Menschen der
Arbeiterklasse verbunden mit ihren Wünschen wurde mehr Beachtung
zuteil.
Die steigende
Wohnungsknappheit, der man mit der industriellen Bauweise in der vorangegangenen
Phase entgegentrat, verbunden mit der weiterhin engen Finanzlage, ließ in
der Städteplanung die Erkenntnis reifen, auf die bestehende Altbausubstanz
zurückzugreifen. Ein Wohnungsbauprogramm regelte die Modernisierung. In der
Zeit von 1971 bis 1990 schuf man so rund zwei Millionen neue Wohnungen. (vgl.
Köhn und Beck 1996) Man griff nun auf die heruntergekommene marode
Altbausubstanz zurück, die in den vorangegangenen Jahren dem Verfall
preisgegeben war. “Doch sind wohl weniger die Besinnung auf Erhaltung
historischer Bauten als ökonomische Gründe für diese Entwicklung
verantwortlich zu machen, denn die wirtschaftliche Situation in der DDR
erforderte es, material- und energiesparend zu bauen” (Hewitt et al
1993, 444).
Obwohl die DDR
ein fortschrittliches Denkmalschutzprogramm hat, erledigt sich das
Erhaltungsproblem geschützter Gebäude oft genug durch
“Selbstvernichtung” mangels Pflege. Nicht mehr viele der historisch
wertvollen Gebäude konnten restauriert werden. “Überhaupt ist es
wohl für die heutige Altstadtsanierung in der DDR charakteristisch,
daß sie meist nur noch Teil-Rekonstruktionen unternimmt und die anderen
Gebiete flächenhaft abreißt” (Schöller 1986, 34).
So ist das historische Werningerode (Abbildung 5) nur eines der wenigen
Beispiele erhaltener Altstadtsanierung.
Neubauten waren
nur noch innerhalb der bereits bebauten Flächen der Städte und
Gemeinden zu errichten. So lautete ein Artikel aus dem neuen Baulandgesetz,
welches 1985 in Kraft trat. Damit wurde das Ende der Trabantensiedlungen
besiegelt und das Wohnungsbaugeschehen verlagerte sich in die Innenstädte.
Die Fertigbauweise als ökonomisch sinnvolles Prinzip wurde dennoch
beibehalten.
Im Zuge der
aufkommenden Ästhetisierung setzte sich in der DDR in den 80er Jahren nun
auch die Fußgängerzone als beliebte Modernisierungsmaßnahme
durch. Betrachtet man die Entwicklung in der Sowjetunion, so ist dort eine
solche Tendenz noch nicht zu erkennen gewesen. In Verbindung mit den
gesteigerten Bedürfnissen der Bevölkerung steht auch der Wunsch nach
mehr Spezialgeschäften. Diese sollten zum einen die funktionale Vielfalt
der Innenstädte erweitern und zum anderen den mittlerweile unbeliebten
Universalgroßmarkt vom sowjetischen Typ “Univermag”
ablösen; diese Einkaufshallen stellten bis zu diesem Zeitpunkt in vielen
Städten die einzige Einkaufsmöglichkeit dar. (vgl. von Beyme
1987, 302)
Die Phase der Vermarktwirtschaftlichung (seit 1991)
Nach
der deutschen Vereinigung zeigen sich erneut die Probleme der
Großwohnsiedlungen, mit denen sich die Bundesregierung bereits in den 70er
Jahren auseinandersetzen mußte. Eine starke Abwanderungstendenz in die
westlichen Bundesländer ließ sich gerade hier feststellen. Folge
sind, wie bereits in den westdeutschen Trabantenstädten der 60er, erheblich
wachsende Leerstandsquoten und steigende soziale Segregation (vgl. Rietdorf
und Knorr-Siedow 1997).
“Für
die Städte in den neuen Bundesländern ist in vielen Bereichen [...]
eine nachholende Entwicklung kennzeichnend” (Henckel et al 1993,
16). Die gilt vor allem für den Banken- und Versicherungssektor, das
Messewesen, dem Verkehrsbereich und den Handel (vgl. Henckel et al 1993,
16). In den Innenstädten der neuen Bundesländer setzt die
Vermarktwirtschaftlichung ein. Sozialistische Prachtbauten werden durch die
westliche “postmoderne” Architektur degradiert und umgewandelt. Der
Einzelhandel blüht gerade in den Stadtzentren, aber auch in der randlichen
Langen auf. Eine Entwicklung, die man bereits auch in der BRD der 60er bis 70er
Jahren beobachten konnte.
Zahlreiche
Wettbewerbe zur Neugestaltung der ostdeutschen Städte werden in den ersten
Jahren nach der Wiedervereinigung ausgeschrieben, mit internationaler
Beteiligung. Eine behutsame Stadterneuerung wird auch in den neuen Ländern
zum Planungsziel gesetzt. “Tragfähige Lösungen können dabei
grundsätzlich nicht von außen kommen. Sie setzen voraus [...],
daß alles, was realisiert werden soll, stets mit den betroffenen [...]
Menschen gründlich beraten wird [...]” (Rietdorf und
Knorr-Siedow 1997): Die Fehler in der deutschen Städtebaugeschichte
sollen nicht wiederholt werden.
Tiefgreifende
Wanderungsbewegungen in der ostdeutschen Bevölkerung traten erstmalig in
den ersten Nachkriegsjahren auf. Zunächst schleppend schwappte in diesen
Jahren eine Flüchtlingswelle aus dem Osten in die westdeutschen
Besatzungszonen. Diese verstärkte sich mit zunehmender Konsolidierung der
politischen Lage in der SBZ. Bis zum Berliner Mauerbau gaben rund zwei Millionen
Menschen ihren Wohnstandort in den östlichen Gebieten auf. (vgl.
Schöller 1967, 77f)
Die Phase des
industrialisierten Wohnungsbaus ist geprägt von einer starken
Verstädterungstendenz: “So fällt der extrem hohe
Einwohnerrückgang aller Umlandregionen in den 70er Jahren auf, als die
räumliche Konzentration des Wohnungsbaus auf die Großstädte
ihren Höhepunkt erreichte und die Bevölkerung des Umlandes durch
Land-Stadt-Wanderung regelrecht ‚aufgesaugt‘ wurde”
(Henckel et al 1993, 105). Diese Entwicklung ging einher mit einer
zunehmenden “Vergreisung” der Bevölkerung in den
Abzugsgebieten. Von einer Bevölkerungssuburbanisierung, wie sich in de BRD
durch die gesamte Entwicklung hindurchzieht, kann zu keiner Zeit die Rede sein.
(vgl. Graphiken aus Henckel et al 1993, 374f)
“Besonders
gravierend sind die Verluste durch Abwanderung junger Bevölkerung nach
Westdeutschland seit 1989, wovon [...] überdurchschnittlich stark Leipzig,
Dresden, Erfurt und Ost-Berlin betroffen waren” (Henckel et al
1993, 105). Rund 2,2 Millionen Menschen zogen in der Zeit von 1989 bis 1991 in
den Westen.
Sowohl in der
Bundesrepublik als auch in der DDR ist die städtebauliche Geschichte,
besonders in den ersten Nachkriegsjahrzehnten, von den jeweiligen
Besatzungssaaten geprägt: “Beide rezipierten zunehmend die
Fortschritte ihrer Schutzmacht” (von Beyme 1987, 340). Sie
glaubten, ein grundsätzlich anderes System zu schaffen als die andere
Seite. Vergleicht man einzelne Städte untereinander, so mag diese auch
zutreffend sein (Abbildung 6 zeigt den deutlichen Einfluß der UdSSR und
Abbildung 7 den amerikanischen). “Dennoch bleibt erstaunlich, wie ganz
unterschiedliche politische Zielsetzungen und wirtschaftliche Randbedingungen
noch so viele Ähnlichkeiten in der Städtebaupolitik zulassen, wie sie
zwischen den beiden deutschen Staaten bestehen” (von Beyme 1987,
339).
Für
iskussionsstoff unter bundesdeutschen Politikern sorgen aktuelle
Stadtentwicklungstendenzen. Am Beispiel “Neue Mitte” in Oberhausen
zeigt sich die zunehmenden “Amerikanisierung” (Guratzsch
1997) in Architektur und Städtebau. Das äußert sich unter
anderem, so der ehemalige Bundesbauminister Klaus Töpfer, in der weiter
voranschreitenden Suburbanisierung der Bevölkerung: “Danach wohnt das
Gros der Bevölkerung in den meisten Stadtregionen schon nicht mehr in der
Kernstadt, sondern im Umland [...]” (Guratzsch 1997).
Welche Rolle die
Innenstadt der Zukunft übernehmen soll, bleibt noch unklar. Sicher scheint
aber zu sein, daß sich auch in der Wirtschaft der Hang zur
Dezentralisierung ausbreitet. “Noch drastischer formulierte es der
Darmstädter Planungsprofessor Thomas Sievers. Die ,fürchterliche
Amerikanisierung‘ der Städte habe längst eingesetzt. Noch vor
100 Jahren hätten Städte eine fünfmal so hohe Sichte gehabt.
Heute jedoch hätten sich städtische Aktivitäten derartig
verdünnt, ,daß man von Städten kaum noch reden
kann‘” (Guratzsch 1997). Wie hat das neue Stadtmodell
auszusehen und wie kann man diesen Entwicklungsprozeß in Gang setzen bzw.
steuern? Das sind die Fragen, die in der aktuellen Planungsdiskussion für
erhitze Gemüter sorgen.
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